Stress, meine Kernkompetenz

Veröffentlicht am 27. März 2026 um 20:21

Ich bin Nörv.

Ich sitze da wie die amtierende Weltmeisterin im Unauffälligsein.

Ich wirke ganz ruhig, doch in meinem Innern: 

Galoppiert mein Herz davon, obwohl ich offiziell gar keinen Stress habe. Niemand steht hinter mir mit Trillerpfeife und bedrohlicher PowerPoint. Und trotzdem benimmt sich mein Inneres, als würde gleich jemand rufen: „Es ist alles deine Verantwortung!“

„ALARM“, kreischt Amy und springt auf.„Wo?“, frage ich.

„Noch unklar“, sagt sie. „Aber mein Gefühl ist sehr deutlich.“

Speedy rennt bereits Kreise.

„Wir müssen was tun. Sofort. Denken. Noch mehr denken. Schneller denken. Vielleicht hilft Panik mit Struktur.“

 

Dann meldet sich dieser innere Anteil, im Anzug streng, mit Klemmbrett:

„Ehrlich gesagt finde ich dich gerade unfähig.“

Ich starre in mich hinein.

Äh. Wirklich jetzt? Super. Innen brennt der Laden, und jetzt hat auch noch mein Qualitätsmanagement geöffnet.

 

Vielleicht hilft Meditieren, doch es fühlt sich eher nach Kampfmeditation an, als müsste ich gegen mich selber kämpfen. Ich müsste doch so langsam wissen was zu tun wäre.

„Spür in dich hinein“ haben sie gesagt…..

„Auf keinen Fall“, ruft Amy. „Da drin ist gerade nichts, was wir mit Besuchszeiten empfehlen würden.“

 

Also dann wohl einfach mal eine kurze PAUSE. Das hat doch schon mal funktioniert.

Und siehe da: 

Dann hebt Viva Vagus langsam die Hand, als wäre er seit zwanzig Minuten da und hätte einfach auf eine Gesprächslücke gewartet.

Und sagt:  „Niemand muss gewinnen. Es reicht, wenn wir kurz ankommen.“

 

Ich glaube ihm nicht sofort. Aber ich gehe in die Küche.

Mache ich mir jetzt besser einen Tee, oder Kaffee…,ehrlich gesagt ist das System an diesem Punkt offen. Hauptsache warm. Hauptsache etwas in den Händen, das keine Meinung hat.

„Nicht aufs Handy gucken“, sagt Frida und schaltet sich für ungefähr sieben Sekunden dazu.

„Keine Kommentare lesen. Keine Vergleiche. Keine Detektivarbeit im Kopf.“

„Schwierig“

 

Ich halte die Tasse fest. Spüre Wärme in den Fingern. Schaue mich um.

Was sehe ich?

Was höre ich?

Was rieche ich?

Eine Tasse. Ein Raum. Ein paar Geräusche. Ich. Hier.

Für einen winzigen Moment wird es weiter in mir.

 

Mein Herz trabt statt galoppiert.

Und genau dann öffnet sich zwischen zwei inneren Sirenen eine kleine Lücke.

Darin sitzt etwas, das nicht nach Aktion aussieht. Nicht nach To-do-Liste. Nicht nach Lösung.

Eher nach Unbehagen.

Ich sehe es nur kurz, und schon möchte ich wieder rückwärts aus dem Moment ausparken.

„Nein, da mag ich gerade nicht hinschauen.“

„Verständlich“, sagt Viva Vagus.

 

Denn da ist sie, diese unangenehme Wahrheit:

Ich habe gerade keine Lösung.

Ich weiß gerade nicht, wie es weitergeht.

Und irgendwo in mir fühlt sich etwas mitschuldig.

 

„Wir könnten wieder in Stress gehen“, schlägt Speedy sofort vor. „Das können wir. Das beherrschen wir. Das ist unsere Kernkompetenz.“

 

„Ja“, sagt Amy. „Stress ist schrecklich. Aber bekannt. Ungewissheit ist schrecklich und hat keinen Handlauf.“

Da verstehe ich plötzlich etwas:

Der Stress ist nicht nur Feind.

Er ist auch Beschäftigung. Bewegung. Ausweichmanöver.

 

Solange ich unter Strom stehe, muss ich nicht so deutlich spüren, dass ich etwas gerade nicht lösen kann.

Und das ist der Moment, in dem es stiller wird.

Nicht friedlich. Nicht gelöst. Aber ehrlicher.

Also: ich hab ein Problem mit dem Nichtwissen.

„Exakt“, sagt Frida, die kurz erstaunlich klar wirkt.

„Und mit dem Gefühl darunter“, ergänzt Body.

Dorsy schaut aus der Ferne vorbei, in eine Decke gewickelt.

„Falls es zu viel wird, ich hätte noch Rückzug im Angebot.“

„Danke, Gut zu wissen. Aber noch bleibe ich hier.“

 

Viva Vagus tritt nicht mit Lösungsvorschlägen auf. Er setzt sich einfach dazu.

„Wir müssen das gerade nicht reparieren“, sagt er.

„Wirklich nicht?“, frage ich.

„Nein. Vielleicht braucht es zuerst jemanden, der mit dir hier sitzt, ohne dich aus dem Gefühl herauszuziehen.“

 

Ich schaue auf meine Tasse. Warm. Schwer. Echt.

 

Nicht alles ist gut.

Amy atmet vorsichtig.

Speedy wippt noch mit dem Bein, sagt aber nichts.

Der strenge Anteil mit dem Klemmbrett räuspert sich und zieht sich ein kleines bisschen zurück. Vielleicht nicht überzeugt. Aber leiser.

 

Und ich merke:

Was ich heute eigentlich brauche, ist niemand, der mir sofort erklärt, wie ich da rauskomme.

Sondern jemand, der neben mir stehen bleibt, wenn ich gerade nicht weiss, wie es weitergeht.

Jemand, der nicht vor meinem Gefühl davonläuft.

Nicht optimiert. Nicht belehrt.

Einfach da.

 

Vielleicht beginnt Beruhigung manchmal nicht damit, dass das Problem weg ist.

Sondern damit, dass ich es nicht mehr allein aushalten muss.

 

Kennst du das?

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