Ich bin Nörv.
Ich sitze da und denke: Ich habe ein Problem.
Und fünf Minuten später denke ich:
Nein. Anders.
Ich bin das Problem.
Ich, Nörv, überreizte kleine Zelle mit Dauerempfang auf allen Kanälen, nehme dann einfach alles persönlich.
Den Tonfall. Den Blick. Die Nachricht ohne Smiley. Die Stille.
Sogar das eigene Seufzen.
Dann ist da nicht mehr:
„Ich habe ein Problem.“
Sondern: „Mit mir stimmt etwas nicht.“
Das ist der Trick der Überreizung.
Sie macht aus einer Lage eine Identität.
Aus einem Zustand ein Urteil. Aus einer Wunde einen Charakterzug.
Ich sage dann nicht: „Ich bin erschöpft.“ Ich sage innerlich: „Ich bin zu viel.“
Ich sage nicht: „Das war gerade zu schnell für mein System.“
Ich sage: „Warum kriege ich das nicht hin wie andere?“
Ich sage nicht: „Mein Nervensystem braucht einen sicheren Ort.“
Ich sage: „Ich bin anstrengend.“
Und genau hier, glaube ich, reicht nicht ein gut gemeinter Ratschlag,
ein schicker Tipp aus der Kategorie
Atme dreimal und dann sei bitte wieder funktional.
Sondern es braucht einen Raum für neue Erfahrungen.
Ein Raum, in dem ich mit meinem Problem richtig bin.
Nicht trotz. Sondern mit allem. Mit meinem Zucken. Mit meinem inneren Lärm.
Mit meiner Unsicherheit. Mit meinem „Ich weiß gerade gar nichts mehr“.
So ein Raum ist kein Zaubertrick.
Er macht das Problem nicht sofort weg.
Aber er nimmt ihm die Rolle des Feindes.
Plötzlich sitzt das Problem nicht mehr mit schwarzem Umhang in der Ecke und faucht:
„Ich ruinier dir alles.“
Sondern vielleicht eher so, leicht zerknittert, mit Aktenordner unterm Arm:
„Entschuldige, ich wollte eigentlich nur darauf hinweisen, dass hier etwas zu viel, zu schnell, zu einsam, zu unklar oder zu altbekannt ist.“
Und das ist unbequem.
Aber auch berührend.
Denn was, wenn mein Problem gar kein Beweis für mein Versagen ist?
Was, wenn es ein Bote ist? Ein übermotivierter, schlecht gelaunter, sozial eher unbeholfener Bote.
Vielleicht sagt er:
Hier ist eine Grenze.
Hier ist ein alter Schmerz.
Hier fehlt Sicherheit.
Hier braucht etwas in dir Begleitung statt Bewertung.
Hier will Body nicht leisten, sondern landen.
Hier braucht Amy nicht mehr Input, sondern Entwarnung.
Hier braucht Speedy nicht noch einen Plan, sondern ein langsameres Tempo.
Hier braucht Dorsy keine Scham, sondern liebevolle Rückkehr.
Und hier, ganz leise, wartet Viva Vagus schon mit einer Decke und sagt:
„Du musst gerade nichts beweisen. Komm erstmal an.“
Wenn ich einen Raum finde, in dem ich mit meinem Problem richtig bin,
dann verschiebt sich etwas Grundlegendes.
Dann frage ich nicht mehr: „Wie werde ich mein Problem los?“ Sondern: „Was will es mir zeigen?“
Dann kämpfe ich nicht mehr gegen mein Innenleben,
als wäre ich mein eigener Kundenservice im Beschwerdemodus.
Dann höre ich hin. Nicht dramatisch. Nicht heilig. Einfach menschlich.
Und wohlwollend zu mir zu sein heißt dann nicht, dass ich alles toll finde.
Es heißt nicht, dass ich meine Schmerzen romantisiere oder jeden Zusammenbruch in Glitzer tauche. Es heißt nur: Ich höre auf, mich zusätzlich zu verletzen.
Wenn ich wohlwollend zu mir bin, werde ich weicher in mir.
Nicht schwach. Weicher. Das ist ein Unterschied.
Dann muss ich nicht mehr mit hochgezogenen Schultern durch meinen inneren Bahnhof rennen und überall gleichzeitig sein. Dann darf ich mich hinsetzen.
Auf eine Bank in meinem eigenen System. Neben mein Problem. Ohne es sofort wegzuschicken.
Vielleicht trinken wir sogar kurz zusammen einen Tee.
Es ist ein seltsames Treffen. Mein Problem ist nervös. Ich auch.
Aber keiner schreit.
Und manchmal, wird aus genau diesem Moment etwas, das ich vorher nicht für möglich halte:
Nicht Heilung mit Pauken und Trompeten.
Nicht „Alles gut“.
Sondern Beziehung.
Zu mir. Zu meinem Körper. Zu meinen Reaktionen.
Zu dem Teil in mir, der so lange dachte, er sei der Fehler.
Wenn ich wohlwollend zu mir bin, bin ich nicht plötzlich ein anderer Mensch.
Ich bin eher mehr der Mensch, der ich unter all dem Alarm schon immer bin.
Etwas klarer. Etwas freundlicher. Etwas weniger im Krieg.
Und vielleicht ist das die eigentliche Wendung:
Dass das Problem nicht verschwindet, weil es besiegt wurde.
Sondern leiser wird, weil es endlich gehört wurde.
Kennst du’s?
Neue Erfahrungen darfst du im NeuroAtelier machen.
Mit oder ohne Stift in der Hand.
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