Die Scham kam leise unter der Tür hindurch gekrochen.

Veröffentlicht am 1. Mai 2026 um 09:15

Ich bin Nörv.

Ich sitze in meinem Menschen, er mag sich grad nicht bewegen und starre auf die blinkenden Lämpchen.

Die Situation ist länst vorbei, die Handlung habe ich längst verpasst. Die Klarheit kommt angeschlichen wie eine Schnecke. Langsam und klebrig.

Will ich sie sehen?

Klarheit kommt bei meinem Menschen ja gern mit Verspätung.

Wie ein Zug, der nicht nur zu spät ist, sondern auch noch auf dem falschen Gleis einfährt und behauptet, er sei pünktlich.

In meinem kleinen Nervensystem-Bahnhof ist gerade einiges los.

Amy steht mit Warnweste auf dem Bahnsteig und ruft:

„GEFAHR! Wir haben zu spät reagiert! Jetzt mögen sie uns nicht mehr! Jetzt ist alles vorbei!“

Speedy rennt bereits im Kreis. Mit Klemmbrett. Ohne Plan.

„Wir hätten früher was sagen müssen! Schneller! Deutlicher! Warum haben wir nichts gemacht? Warum standen wir da wie ein nasser Gast?“

Ich hebe vorsichtig eine Synapse.

„Vielleicht… weil wir nicht wussten, was sicher ist?“

Stille.

Also, keine echte Stille.

Mehr so eine innere Kühlschrank-Stille. Es brummt noch alles.

Body sitzt in der Ecke. Der Brustkorb eng. Der Bauch schwer.

Der Hals wie mit unsichtbarer Paketkordel zugeschnürt.

 

Und dann kommt sie.

Die Scham.

Nicht dramatisch.

Nicht laut. Eher wie Nebel, der unter der Tür durchkriecht. Kalt und fröstelnd.

Sie legt sich auf alles.

Auf den Gedanken: „Ich hätte es besser wissen müssen.“

Auf den Körper: „Ich bin falsch.“

Auf die Erinnerung: „Schon wieder.“

Und genau da wird es alt. Nicht „gestern-alt“. Sondern ganz früh-alt.

So alt, dass Hippo im Archiv gar keine ordentliche Akte findet.

Nur lose Bilder. Gerüche. Stimmen. Ein Gefühl von:

„Ich darf nicht falsch reagieren.“

„Ich muss spüren, was erwartet wird.“

„Wenn ich zu spät bin, bin ich zu viel.“

„Wenn ich nichts tue, bin ich falsch.“

„Wenn ich etwas tue, vielleicht auch.“

„Was will ich denn, eigentlich?“

Hippo blättert hektisch in fragmentierten Ordnern.

„Ähm… ich habe hier etwas mit Erstarrung. Und etwas mit Anpassung. Und hier ist noch ein Ordner namens: Bitte kein Drama machen.“

Dorsy hebt langsam den Kopf. „Ich war das damals nicht aus Faulheit. Ich war Schutz.“

Und plötzlich wird es ein bisschen leiser.

Denn das ist der Punkt, den im Aussen kaum jemand sieht:

Ambivalenz ist innen nicht einfach Unentschlossenheit.

Innen ist Ambivalenz manchmal ein Mehrfachalarm.

Ein Teil will handeln.

Ein Teil will sicher sein.

Ein Teil will niemanden enttäuschen.

Ein Teil will verschwinden.

Ein Teil sucht nach einer Erlaubnis, die nie gekommen ist.

Und während alle gleichzeitig reden, geht Frida Fokus offline.

Nicht, weil sie keine Lust hat. Sondern weil das System gerade nicht denkt wie ein Konferenzraum.

Es denkt wie ein Brandmelder.

Amy scannt Gesichter.

Speedy sucht Fluchtwege.

Dorsy zieht den Stecker.

Body hält die Luft an.

Und ich, Nörv, sitze mittendrin und versuche, aus Popcorn, Sirenen und alten Kinderzimmergefühlen eine klare Entscheidung zu bauen.

Spoiler: schwierig.

Später, wenn die Situation vorbei ist, kommt Frida zurück.

Frisch geduscht, mit Brille, Tee und Erkenntnis. 

„Also rückblickend wäre es hilfreich gewesen, wenn wir…“

Danke, Frida.

Wirklich. Sehr schön. Nur warst du vorhin leider im Funkloch.

Und dann beginnt die Scham zu flüstern:

„Du hättest doch handeln müssen.“

„Du bist zu langsam.“ „Hast du es denn nicht bemerkt?“ 

„Andere können das.“ „Warum bist du so?“

 

Aber Viva Vagus setzt sich dazu. Nicht als Held.

Eher wie jemand, der eine Decke bringt, ohne viel Aufhebens darum zu machen.

Er sagt: „Vielleicht warst du nicht zu spät. Du hast gewartet, bist du dich sicher fühlst.“

Das trifft mich. Weil es nicht entschuldigt. Es erklärt.

Es nimmt die Verantwortung nicht weg. Aber es nimmt den Stachel aus dem „Ich bin falsch“.

 

Manchmal handelt ein früh geprägtes Nervensystem nicht dann, wenn die Situation es verlangt.

Sondern erst dann, wenn es genug Sicherheit spürt, um überhaupt wahrzunehmen, was gerade passiert ist.

 

Und ja: Das kann weh tun. Besonders danach.

Wenn der Körper wieder auftaut.

Wenn die Sätze kommen, die vorher nicht da waren.

Wenn die Klarheit plötzlich im Flur steht und sagt:

„Hallo, ich wäre jetzt bereit.“ Dann möchte ich sie manchmal anschreien:

 

„WO WARST DU VOR ZEHN MINUTEN?“

 

Aber vielleicht war sie gar nicht weg.

Vielleicht war sie nur überdeckt.

Von Alarm. Von alten Erfahrungen. Von der inneren Rechnung:

Was kostet es, wenn ich handle?

Was kostet es, wenn ich nicht handle?

Was kostet es, wenn ich ich bin?

Muss es immer etwas kosten?

Und während ich das merke, wird Scham ein kleines bisschen weniger Nebel.

Dann kann Frida wieder einen Satz finden:

„Ich habe damals gelernt, erst sicher zu sein, bevor ich mich bewege.“

Und Viva ergänzt:

„Heute darf ich üben, kleine klare Schritte früher zu spüren. Nicht perfekt. Nur ein bisschen früher.“

Body atmet aus. Nicht groß. Mehr so: ein Millimeter Frieden.

Amy murmelt noch: „Aber was, wenn es wieder passiert?“

Und ich sage: „Dann sind wir nicht falsch. Dann sind wir ein Nervensystem beim Lernen.“

 

 

Und vielleicht kennst du das auch.

Diesen Moment, wo niemand es sieht. Wo du dich selbst am härtesten richtest. Wo innen die Stimme flüstert: „Ich hätte es wissen müssen."

Nicht weil du falsch bist. Sondern weil dein Nervensystem gerade alles gibt, was es hat.

Schreib mir in die Kommentare: Wann richtest du dich am härtesten – und niemand sieht es?

Oder schick mir einfach ein Herz – wenn du weißt, wovon ich spreche.

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